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Schichtarbeit

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25.07.2017 Schichtarbeiter in Baden-Württemberg leiden unter hohen Belastungen

IG Metall mahnt Verbesserungen bei der Gestaltung von Arbeitssystemen an
Stuttgart

Trotz gesetzlicher Pflichten werden arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse zur Schichtplangestaltung in baden-württembergischen Betrieben nur unzureichend umgesetzt. Die Folge sind erhebliche Gesundheitsbelastungen der Beschäftigten. Das ist eine zentrale Erkenntnis einer aktuellen Untersuchung von IG Metall Baden-Württemberg und Hans-Böckler-Stiftung unter Beschäftigten aus sieben Schichtbetrieben.

Zu den häufigsten Beschwerden gehören allgemeine Müdigkeit und Mattigkeit, Schmerzen in Rücken, Nacken und Schultern sowie nächtliche Schlafstörungen und körperliche Erschöpfung. Allein unter diesen Symptomen leiden zwischen 70 und 80 Prozent der Befragten. Hinzu kommt insbesondere bei Beschäftigten mit Nachtschichten ein erhöhtes Risiko von Herz-Kreislauf- und Magen-Darm-Erkrankungen sowie psychische Belastungen.

Je länger die Schichtarbeit andauert, umso belastender ist sie: Nach über 20 Jahren müssen zwei Drittel der Befragten an ihre Leistungsgrenze gehen, in den ersten fünf Jahren sind es 42 Prozent. Kommt Nachtarbeit hinzu, steigen Leistungsdruck und Gesundheitsbeschwerden nochmal deutlich an: Befragte im Dreischichtbetrieb gaben bei 22 abgefragten Beschwerden in 20 Fällen höhere Belastungen an als ihre Kollegen in Früh- und Spätschicht.

Thomas Langhoff, Studienautor und Professor für Arbeitswissenschaft an der Hochschule Niederrhein: "Das Arbeitszeitgesetz sagt klar, dass Nacht- und Schichtarbeit nach gesicherten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen zu gestalten ist. Tatsächlich kommen aber die wenigsten Arbeitgeber dieser Verpflichtung nach; eine Kontrolle durch die zuständigen Aufsichtsbehörden findet faktisch nicht statt. Die Leidtragenden sind die Beschäftigten, die eine unnatürliche Schichtplan-Gestaltung mit langen Nachtschichtblöcken und zu kurzen Regenerationsphasen mit ihrer Gesundheit bezahlen."

Erschreckend: Im Vergleich zu früheren Erhebungen zur Schichtarbeit - z.B. von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin - weist die Studie für Baden-Württemberg erhöhte negative Gesundheitsfolgen aus. So sind zum Beispiel Schlafstörungen und körperliche Erschöpfungszustände deutlich weiter verbreitet. Jeder zweite Studienteilnehmer geht davon aus, dass er seine Arbeit nicht bis zum gesetzlichen Rentenalter ausüben kann. Bei Beschäftigten, die 21 Jahre und länger Schicht arbeiten, sind es sogar 58 Prozent.

Bundesweit arbeitet mehr als jeder sechste Beschäftigte im Schichtbetrieb, in den Branchen der IG Metall trifft das auf fast ein Drittel der Beschäftigten zu. Davon arbeiten wiederum zwei Drittel in Früh- und/oder Spätschichten, knapp 28 Prozent im Dreischichtbetrieb mit Nachtschichten sowie vier Prozent in Dauernachtschicht.

Für eine möglichst gesunde Schichtarbeit empfiehlt Langhoff, Nachtschichten generell zu vermeiden. Ist dies nicht möglich, sollten möglichst kurze Schichtblöcke mit wenig Nachtarbeit und ausreichenden Ruhephasen danach eingeplant werden. Frühschichten sollten aus arbeitsmedizinischer Sicht nicht vor 6 Uhr beginnen. Die Realität in den Betrieben im Südwesten sieht anders aus: Nur 10 Prozent arbeiten in kurzen Nachtschicht-Blöcken (2 bis 3 Tage), 54 Prozent in längeren (4 bis 5 Tage) und 36 Prozent in sehr langen (6 und mehr Tage). Fast jeder zweite Befragte arbeitet im besonders gesundheitsgefährdenden rückwärtsrollierendem Dreischichtbetrieb; für 64 Prozent beginnt die Frühschicht vor 6 Uhr.

"Es ist absurd, dass die hohe Flexibilität der baden-württembergischen Industrieunternehmen offenbar auf Kosten der Gesundheit der Beschäftigten geht", kritisiert Roman Zitzelsberger, Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg. "Die Belastungen durch Schichtarbeit wurden nicht zuletzt durch die aktuelle Studie eindeutig belegt und es ist höchste Zeit, dass die Unternehmen gemeinsam mit Beschäftigten und Betriebsräten die Verbesserung ihrer Schichtsysteme anpacken." Bei Bosch in Reutlingen und den Badischen Stahlwerken in Kehl sei dies beispielsweise gelungen.
Zusätzlich zu den Belastungen aus Schichtarbeit klagen die Befragten in Baden-Württemberg über häufige Mehrarbeit (43 Prozent) und regelmäßige Arbeit am Wochenende (56 Prozent). Das deckt sich mit den Ergebnissen der Beschäftigtenbefragung der IG Metall 2017: Danach sind Schichtarbeiter mit ihrer Arbeitszeit deutlich unzufriedener als der Rest der Beschäftigten, ihre Bedürfnisse nach persönlicher Zeitsouveränität werden häufig nicht berücksichtigt. So wünschen sich 8 von 10 Beschäftigten die freie Wahl von Freischichten sowie einen selbstbestimmten Aufbau von Zeitguthaben - nur jeder zweite Beschäftigte hat diese Möglichkeiten heute tatsächlich.
In der nächsten Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie strebt die IG Metall deshalb auch Verbesserungen für Schichtarbeiter an, die eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben ermöglichen. Denkbar sind zum Beispiel zusätzliche Freischichten, über die Schichtarbeiter mit möglichst kurzen Ankündigungsfristen frei entscheiden können. Für einen Teil der zusätzlichen Freizeit soll es nach Vorstellung der IG Metall einen Entgeltausgleich geben. "Das ist notwendig, damit sich wirklich jeder eine zeitweise Reduzierung der Arbeitszeit leisten kann. Insbesondere Schichtarbeiter in starren Systemen brauchen Möglichkeiten, ihre Belastungen auszugleichen", so Zitzelsberger.
Aufgrund der vielfältigen Belastungen mit häufiger Mehr- und Wochenendarbeit empfiehlt Langhoff, die Gesamtbelastung von Schicht-Beschäftigten zu reduzieren. Das könne zum Beispiel durch kürzere Arbeitszeiten in der Nacht mit mehr Pausen erreicht werden. Hilfreich sei zudem eine gesundheitsverträgliche Ernährung für Nachtschichtler, die heute in vielen Betrieben nicht angeboten wird.
Im Rahmen des Forschungsprojekts "Gestaltung von Schichtarbeit in der Produktion" (kurz: GeSCHICHT) haben Wissenschaftler von Januar 2015 bis April 2017 insgesamt 1270 Schichtarbeiterinnen und Schichtarbeiter aus sieben Betrieben befragt. Darunter sind 14 Prozent Frauen, 40 Prozent der Befragten sind 50 Jahre und älter, 43 Prozent arbeiten seit 21 Jahren und länger in Schicht. Die von den Wissenschaftlern Thomas Langhoff und Rolf Satzer angefertigte Studie gehört zu den größten Untersuchungen zur Schichtarbeit in Deutschland; initiiert und finanziert wurde sie von der IG Metall-Baden-Württemberg und der Hans-Böckler-Stiftung.

Letzte Änderung: 10.10.2017


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